Kompetenzbasierte Ausbildung im Gesundheitswesen: Einblicke von drei Experten
Wenn Sie im Bereich der Gesundheitsausbildung tätig sind, haben Sie möglicherweise einen Wandel beobachtet: den Übergang zur kompetenzbasierten Ausbildung (CBE). Dieser wird durch den Bedarf vorangetrieben, angehende Fachkräfte besser auf die Komplexität der realen Praxis vorzubereiten. CBE geht über die reine Wissensabfrage hinaus und bewertet, was Lernende in der Praxis tatsächlich leisten können. Doch wie lässt sich Simulation – ein zentraler Bestandteil der Ausbildung im Gesundheitswesen – in CBE integrieren?
Ein aktuelles Webinar mit Experten einer globalen Organisation, der Society for Simulation in Healthcare (SSH) sowie ihrer Simulation Grounded Competency‑Based Education Task Force und Affinity Group, widmete sich genau dieser Frage. Die Diskussionsteilnehmer Curtis Nickel MD, Med, FRCPC, Marie Gilbert, DNP, RN, CHSE‑A, FSSH und Brian Mann, EdD, MS, PA‑C teilten ihre Einschätzungen zur zunehmenden Bedeutung von CBE, zur Rolle der Simulation sowie zu den damit verbundenen Herausforderungen und Chancen.
In diesem Artikel geben wir eine Zusammenfassung des Webinars sowie zentrale Erkenntnisse, die Sie auf Ihrem Weg zur CBE unterstützen können.

Curtis Nickel, MD, MeD, FRCPC
University of Ottawa
The Ottawa Hospital
Canada

Marie Gilbert, DNP, RN, CHSE-A, FSSH
Central California Center for
Excellence in Nursing
USA

Brian Mann, EDD, MS, PA-C
Philadelphia College of
Osteopathic Medicine
USA

Der Ansatz der kompetenzbasierten Ausbildung (CBE) ist nicht neu, gewinnt aber zunehmend an Dynamik. „Ich denke, die Entwicklung ist jetzt klar erkennbar, hat sich aber schon seit Längerem abgezeichnet., sagt Marie.
Im Pflegebereich lässt sich dieser Anstieg unter anderem dadurch erklären, dass eine Diskrepanz zwischen theoretischem Unterricht und den Anforderungen der klinischen Praxis erkannt wurde. Der Fokus verschiebt sich daher weg von inhaltslastigen Programmen, die vor allem Wissen abprüfen, hin zu Ansätzen, die sicherstellen, dass Lernende ihr Wissen in realen Situationen anwenden können. Auch Bedenken hinsichtlich der praktischen Einsatzfähigkeit von Fachkräften treiben diese Entwicklung voran. Akkreditierungsorganisationen wie AACN und CCNE in den USA fordern entsprechende Ansätze inzwischen aktiv ein und beschleunigen damit deren Verbreitung.
In der Medizin haben viele weiterführende Ausbildungsprogramme weltweit bereits auf Meilenstein‑Konzepte und Entrustable Professional Activities (EPAs) umgestellt. Es wird erwartet, dass sich diese Entwicklung künftig auch auf die Ausbildung im Medizinstudium auswirken wird.

Die Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass Simulation sehr gut zur kompetenzbasierten Ausbildung passt. „CBE ist ein übergeordnetes Konzept bzw. ein Rahmen, in den sich simulationsbasierte Ausbildung sehr gut einfügt“, erklärte Curtis. „Der Grund dafür ist, dass viele der zentralen Prinzipien – also die Denkweisen und Schlüsselkonzepte von CBE – auch zentrale Prinzipien der simulationsbasierten Ausbildung sind.“ Zu diesen gehören:
Er erklärte weiter, dass Simulation dabei hilft, den Fokus von einem systembasierten Ansatz – bei dem Fortschritt vor allem über Zeit gesteuert wird – hin zu einem individuellen Lernpfad zu verlagern, der sich an konkreten Lernzielen orientiert.
– Curtis Nickel, MD, Med, FRCPC
University of Ottawa/The Ottawa Hospital, US

Marie ergänzte, dass Simulation auch Reflexion ermöglicht. Diese ist entscheidend, um zu verstehen, warum Lernende bestimmte Handlungen ausgeführt haben, und um sicherzustellen, dass sie nicht nur das „Richtige“ tun, sondern auch aus den richtigen Gründen. Dadurch können Lehrende nicht nur das Handeln selbst bewerten, sondern auch das zugrunde liegende Verständnis und das kritische Denken.

Ein zentrales Thema im Rahmen von CBE ist die Frage, wie sich Kompetenzen mithilfe von Simulation verlässlich beurteilen lassen. Die Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass das traditionelle Verständnis von „summativer“ Bewertung als einmaliger, hoch gewichteter Test im Kontext von CBE überdacht werden muss.
Brian schlug vor, „summativ“ vielmehr als Zusammenführung verschiedener, über die Zeit erhobener Beurteilungen zu verstehen – vergleichbar mit einem Ausbildungs‑ bzw. Lernprozess in Etappen. Entscheidend ist dabei, das Gesamtbild zu betrachten.
„Wichtig ist: Das Ganze ist kein einmaliger Vorgang“, sagte Brian. „Wir müssen uns von diesem Denken lösen. Es geht darum, alle Teile zusammenzuführen. Das Gesamtbild ist die eigentliche Bewertung – so sehe ich das.“

Die Umsetzung von CBE erzeugt eine große Menge an Daten. Diese Daten zu verwalten und sinnvoll zu nutzen, macht den Einsatz von Technologie entscheidend. Dafür werden Tools benötigt, mit denen sich Prüfungsergebnisse und Leistungsdaten aus Simulationen erfassen lassen.
Die Diskussionsteilnehmer wiesen darauf hin, dass sich konkrete Tools und Prozesse noch in der Entwicklung befinden und viele Programme bestehende Lücken erst im Verlauf der Implementierung erkennen.
– Brian Mann, EdD, MS, PA-C
Philadelphia College of Osteopathic Medicine, USA

Entscheidend ist, was im Kontext von CBE als „nützliche Daten“ gilt. Diese sollten direkt mit den definierten Kompetenzen verknüpft sein, die wiederum mit zentralen beruflichen Aufgaben und letztlich mit patientenbezogenen Ergebnissen (z. B. auf den höheren Ebenen des Kirkpatrick‑Modells) zusammenhängen. Werden zu viele nicht aussagekräftige Daten gesammelt, kann das schnell zu Überlastung bei Lernenden und Lehrenden führen.

Bei der Gestaltung von Simulationen für CBE empfehlen die Diskussionsteilnehmer:

Ein wichtiger Bestandteil des Übergangs zur CBE ist die Förderung eines Growth Mindset sowohl bei Lernenden als auch bei Lehrenden. Lernende, die an traditionelle Leistungsmaßstäbe gewöhnt sind (Dinge „richtig“ zu machen), sollten Fehler als Chance sehen, zu lernen und sich im Laufe der Zeit zu verbessern.
– Marie Gilbert, DNP, RN, CHSE-A, FSSH
California Center for Excellence in Nursing, USA

Marie betonte, dass dies mit dem Konzept „The Power of Yet“ von Carol S. Dweck übereinstimmt. Es beschreibt die Überzeugung, dass sich Fähigkeiten durch Anstrengung, Lernen und Ausdauer entwickeln lassen – im Gegensatz zu einem statischen Verständnis von Talent.
„Ich denke, man muss sich wirklich dieses Growth Mindset aneignen: Scheitern ist ein Mittel, um später erfolgreich zu sein“, ergänzte Curtis. „Simulation bietet dafür sehr gute Möglichkeiten – sowohl für fortgeschrittene Lernende als auch für diejenigen, die noch am Anfang ihres Lernwegs stehen.“

Der Einsatz von simulationgestützter CBE beschränkt sich nicht auf Hochschulen. Auch Krankenhäuser integrieren Simulation zunehmend in Assistenzarztprogramme, für Fachärzte und in die Weiterbildung des Fachpersonals. Dies hängt damit zusammen, dass Simulation – insbesondere In‑situ‑Simulationen (also Simulationen in der realen Arbeitsumgebung) – eine effektive Möglichkeit bietet, kritische Fähigkeiten unter realistischen Bedingungen zu trainieren.
„Ich denke, wir werden das immer häufiger sehen“, sagte Curtis. „Es wird schwieriger, alles zu wissen – unabhängig vom Beruf. Es gibt so viel zu lernen, und die Möglichkeiten, praktische Erfahrung zu sammeln, sind begrenzt. Simulation bietet hier eine wichtige Chance.“
Die Umsetzung von CBE erfordert entsprechende Ressourcen – sowohl bei den Lehrenden als auch im Bereich Simulation. Der genaue Bedarf hängt von Umfang und Zielen des jeweiligen Programms ab. Kreative Ansätze, wie die Umverteilung vorhandener Ressourcen oder der Einsatz kostengünstiger Trainingsgeräte, können helfen, den Aufwand zu reduzieren.
Darüber hinaus spielen regulatorische Anforderungen eine wichtige Rolle, insbesondere im Hinblick auf Datenschutz und Aufbewahrung von Aufzeichnungen – vor allem bei der Nutzung von Audio‑/Videoaufnahmen für Bewertungen. Die Vorgaben unterscheiden sich je nach Institution, daher sollten Organisationen ihre Rechtsabteilung einbeziehen und Lernende frühzeitig über entsprechende Richtlinien informieren.
Simulation ist ein wirkungsvolles Instrument für CBE, da sie mit den Grundprinzipien dieses Ansatzes übereinstimmt und es ermöglicht, Leistungen in realistischen Szenarien zu beurteilen, ohne ein Risiko für echte Patienten einzugehen.
Die Bewertung im Rahmen von CBE ist multimodal und erfolgt über einen längeren Zeitraum. Sie löst sich von einmaligen, summativen Prüfungen und fokussiert stattdessen die kontinuierliche Erfassung von Lernfortschritten.
Effektive Simulationen für CBE erfordern eine sorgfältige Gestaltung, die an Kompetenzen ausgerichtet ist und das Entwicklungsniveau der Lernenden berücksichtigt.
Technologie und Datenanalyse sind entscheidend, um die großen Datenmengen aus Bewertungen im Rahmen von CBE sinnvoll zu erfassen und auszuwerten.
Ein Growth Mindset ist sowohl für Lernende als auch für Lehrende im CBE‑Kontext wesentlich, da es Fehler als Lernchance begreift.